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Vor über 100 Jahren beschlossen die Bolschewiki in Russland unter der Führung von W. I. Lenin dem Zarismus ein Ende zu bereiten und eine sozialistische Gesellschaft zu errichten. Durch diese Aktion fühlten sich nicht nur die Weißgardisten, die Anhänger des Zaren, zum Widerstand aufgerufen; auch eine Koalition europäischer Mächte führte Krieg gegen ein System, das mit der Herrschaft des Eigentums über Land und Leute brechen wollte.

Erstaunlicherweise konnten die Bolschewiki mit der Roten Armee sich gegen die inneren und äußeren Feinde durchsetzen und ihre Herrschaft in Russland stabilisieren.

Die Zerstörung der jungen Sowjetunion stand jedoch weiterhin auf der Agenda der wichtigen kapitalistischen Industrieländer, aber der KPdSU gelang es trotz erhoffter, aber ausbleibender Revolutionen in den hochindustrialisierten Ländern, ihr System mithilfe eines starken Staates und einer schlagkräftigen Roten Armee zu sichern.

Zeitweise trat die erbitterte Feindschaft der kapitalistischen Staaten gegen den Erzfeind im Osten in den Hintergrund, als es galt, einen gefährlichen imperialistischen Konkurrenten in der Mitte Europas, Hitlerdeutschland, auszuschalten. Der erweiterte Machteinfluss der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg war jedoch der Koalition der Kommunistenfeinde ein Dorn im Auge. Fortan galt es, entweder den Kollaps des gegnerischen Systems mittels Subversion und kleinerer Scharmützel unterhalb der Atomschwelle zu befördern oder mit einer finalen militärischen Operation dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Die Erledigung der UdSSR gestaltete sich jedoch friedlicher als gedacht. Die Sowjetunion stellte nach einem Kassensturz fest, dass ihr System ineffektiv sei, löste ihr Bündnis und die Union auf und beschloss, zukünftig nach streng marktwirtschaftlichen Grundsätzen Land und Leute zu behandeln.[1] Ebenfalls das bevölkerungsreichste Land der Erde, die Volksrepublik China, verabschiedete sich von sozialistischen Grundsätzen und forderte im Sinne der kapitalistischen „ursprünglichen Akkumulation“ Opfer von der Bevölkerung, damit in ferner Zukunft das Reich der Freiheit und des Wohlstandes erstrahle.

Trotz aller Feindschaft der kapitalistischen Nationen war der Niedergang des Sozialismus nicht deren Werk. Es war die Unzufriedenheit der sozialistischen Staaten mit den Erträgen ihrer Wirtschaft. Sie bemerkten, dass die klassische Ausbeutung einer Arbeiterklasse, die ständig mit der Furcht vor Existenzvernichtung bei Arbeitslosigkeit rechnen musste, für den Staat erheblich ertragreicher ist als die vermeintlich arbeiterfreundliche Behandlung durch den Sozialismus.

Der Übergang vom Staatssozialismus zum Staatskapitalismus mit Zulassung privaten Kapitals vollzog sich mit einigem Ruckeln, aber weitgehend unaufgeregt, denn die Ökonomie des Sozialismus unterschied sich nur in einem Punkte deutlich von der des Kapitalismus: Das private Kapital und die Gewinnerwirtschaftung einer Kapitalistenklasse war weitgehend abgeschafft. Dafür übernahm der Staat die Regie über die Ökonomie. Er legte fest, was, wann und wo produziert wurde; er steuerte mit seinem Geld den sozialistischen Warenkreislauf; er bestimmte, was und wie viel vom gesellschaftlichen Produkt den Produzenten überlassen wurde; er förderte die Arbeitsproduktivität durch Bestechung mit geldlichen Anreizen, er propagierte die Moral der selbstlosen Arbeit für den sozialistischen Staat. Und nicht zuletzt floss eine ganze Menge Blut, wenn wirkliche oder eingebildete Kritiker der offiziellen Linie der KPdSU oder der KPCh widersprachen. Denn sie galten als Volksfeinde, ausländische Agenten, Saboteure, die nichts anderes im Sinn hätten, als den Sozialismus zu zerstören.[2]

Der sozialistische Staat hatte nicht das Anliegen, eine klassenlose Gesellschaft aufzubauen, die zum Nutzen aller Gebrauchsgüter produziert, die keinen Gewaltapparat benötigt, um die gesellschaftlichen Gegensätze zu bändigen. Seine Gewalt sollte ein System sichern, das auf effektvolle Weise krisenfrei und auf Kosten der Bevölkerung Reichtümer für den Staat schafft.

Was wollen die Rätekommunisten?

Fast alle sozialistischen Staaten sind mitsamt ihrer merkwürdigen Ökonomie auf dem Misthaufen der Geschichte gelandet. Um sie sei es nicht schade; trotzdem stimmen die Rätekommunisten nicht ein in das Siegesgeheul der freien Welt, die den Niedergang des Sozialismus als Beweis ihrer Überlegenheit feiern. Denn der „Freie Westen“ könne sich in Bezug auf Unterdrückung und Ausbeutung durchaus mit der bolschewistischen Herrschaft messen. Schließlich habe die Lohnarbeit, der Verkauf der Arbeitskraft an den Unternehmer zu einem möglichst günstigen Preis, seine volle Entfaltung in der freien und sozialen Marktwirtschaft gefunden. Die Folge sei die relative Verarmung der Masse der Lohnarbeiter und die Verelendung der für die Kapitalakkumulation nicht benötigten Menschheit auf der einen Seite, sowie die Produktion unermesslichen Reichtums auf der anderen Seite.[3] Die dem Kapitalismus adäquate Herrschaftsform, die Parlamentarische Demokratie mit ihrer Dreifaltigkeit von Legislative, Exekutive und Judikative, bediene sich des Reichtums zu ihrer glorreichen Machtentfaltung. Davon profitierten in erster Linie die kleinen und großen Geschäftemacher der Republik, die die Geldpolitik des Staates und die gewalttätige Durchsetzung der Staatszwecke nach innen und außen unter Berufung auf Recht und Gesetz sowie die demokratische Legitimierung in der Regel zu schätzen wüssten. Verborgen bleibt den Rätekommunisten nicht, dass die lohnabhängige Mehrheit der Bevölkerung unter tatkräftiger Agitation von Sozialdemokratie und Gewerkschaften sich mit den Bedingungen ihrer Existenz abgefunden habe.

Seit Menschengedenken haben sich Herrscher über die Mehrheit der Menschen in ihrem Einflussbereich erhoben, um diese für ihre Zwecke einzuspannen. Ob „von Gottes Gnaden“ oder über die „demokratische Wahl“ oder als „Vorhut der Arbeiterklasse“ – immer definierten die Herrscher mit schönen Worten die Lebensbedingungen ihrer Untertanen und setzten sie mit Gewalt durch - zumeist zum Schaden der Betroffenen.

Unter den „Linken“ gab es immer kritische Stimmen, die im Gegensatz zur Diktatur über das Proletariat durch eine kommunistische Partei die Selbstorganisation der Arbeiter im Sinne des Kommunistischen Manifestes von Marx und Engels forderten: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für freie Entwicklung aller ist.“ Herausragender Vertreter dieser Richtung kommunistischer Kritik war in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts die Gruppe Internationaler Kommunisten[4] um den Holländer Anton Pannekoek.[5] Deren wenige Mitglieder galten zwar als „Klosterbrüder des Marxismus“[6], weil sie sich in erster Linie um die theoretische Kritik kümmerten, aber das mindert keineswegs den Wert ihrer Veröffentlichungen für die damalige und auch heutige Arbeiterbewegung, so weit sie überhaupt noch existiert.

In den hier abgedruckten Aufsätzen wird das gesamte Spektrum der rätekommunistischen Weltsicht dargelegt. Neben Beiträgen zur Theorie des Marxismus – die nicht immer kritiklos übernommen werden sollten -, finden sich Einschätzungen zur Situation in wichtigen Ländern der Welt wie Spanien, Palästina, Japan, Frankreich, Niederlande, Dänemark, Sowjetunion, Italien und natürlich das faschistische Deutschland. Die Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus nimmt einen breiten Raum ein. Der Grundgedanke einer rätekommunistischen Organisation der Gesellschaft, die Selbstverwaltung, wird nicht nur im Hinblick auf die Bekämpfung des Kapitalismus und seiner Herrschaft erläutert, sondern es werden ausführlich die Grundprinzipien einer kommunistischen Produktion und Verteilung in einer vernünftigen Gesellschaft aufgezeigt.[7]

Dass verschiedene Einschätzungen und Theorien auch unter Rätekommunisten nicht unumstritten sind, wird nicht verhohlen. Ausführlich werden unterschiedliche Standpunkte zu den Fragen der Strategie und der Taktik des Klassenkampfes verhandelt. Dabei wird verzichtet auf – nicht nur zu der damaligen Zeit – unter Linken übliche Beleidigungen, Verhöhnungen, Disqualifizierungen und – im wahrsten Sinne des Wortes - vernichtende Kritik. Vielmehr bemüht man sich um sachliche Auseinandersetzungen, getragen von dem Geiste des gemeinsamen Zwecks der Überwindung des Kapitalismus samt seiner Herrschaft.[8]



[1]Vgl. Cajo Brendel: Wen oder was vertritt Gorbatschow und was ist das Wesen von Perestroika? In Gorbatschows Buch „Perestroika“ „…ist von ‚wirtschaftlichen Misserfolgen’, ‚Stagnation’, ‚rückgängigen wirtschaftlichen Wachstum’ und derartigen Erscheinungen die Rede, welche zu der ‚einzig möglichen Schlussfolgerung’ führten, ,nämlich dass das Land sich am Rande einer Krise befand’. Die Reform, welche Stagnation und drohende Krise verhüten soll, basiert, schreibt Gorbatschow, ‚auf eine eingreifende Vergrößerung der Unabhängigkeit der Betriebe, auf ihren Übergang auf vollkommene Selbständigkeit hinsichtlich finanzielle Verantwortung und Finanzierung’. Er verheimlicht nicht, dass dies Hand in Hand mit weniger zentralen Planung gehen wird.“
http://www.infopartisan.net/archive/brendel/gorbat.html

 

[2]Rätekorrespondenz Nr. 20, „Sovjet-Russland von heute“

[3]Vgl. Beiträge zur Lage der Arbeiterklasse in verschiedenen europäischen und außereuropäischen Ländern

[4]Groepen van Internationale Communisten

[5] Zum Studium der Geschichte der „Gruppe Internationaler Kommunisten“ empfehlen wir: Philippe Bourrinet: Holländischer Rätekommunismus: Von den »Groepen van Internationale Communisten« zum »Spartacusbond« (https://silo.tips/download/hollndischer-rtekommunismus)
und
Mergner Gottfried, (Hrsg.): Gruppe Internationale Kommunisten Hollands. ( Texte des Sozialismus und Anarchismus.), Rinbek (bei Hamburg) : Rowohlt,, 1971, ISBN: 9783499452857 (https://www.anarchismus.at/ueber-den-tellerrand-blicken/raetekommunismus/6438-mergner-gruppe-internationaler-kommunisten-hollands)

[7]Vgl. Rätekorrespondenz Nr. 10/11: „Die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit als Grundlage der kommunistischen Produktion und Verteilung“

[8]Vgl. Rätekorrespondenz Nr. 16/17: „Differenzen in der Rätebewegung“